Künstlerischer Ansatz
Der facettenreiche Künstler Miquel Barceló, dessen Schaffenskraft und Lebenslust durchaus an Pablo Picasso erinnern, ist ein Lieblingskind der internationalen zeitgenössischen Kunst.
Bekannt für seinen experimentellen Ansatz liebt er es, neue Materialien und Techniken zu erfinden. Ob mithilfe von Bleichmittel, organischem Material oder sogar lebenden Insekten: Der Stil von Barceló erforscht Zersetzung, Licht und natürliche Landschaft.
Sein Werk ähnelt vielerorts der prähistorischen Höhlenkunst und er erfindet Formen, die die Frühmenschen wohl nicht zurückgewiesen hätten. „Ich denke oft, dass meine Karriere ein Rückwärtslauf ist.
Mitten in einem Wäldchen zeigt uns das Monster der Grotte Chaumont (der Chaumont-Höhle) die Tiefen seines Schlundes, der wie eine Unterwasserhöhle zur Schau getragen wird. Seine Zähne, die aussehen wie Konkretionen, drohen sich jeden Moment zu schließen und unserem Blick eine Welt zu entziehen, die gerade geboren oder verdaut wird. Ist das nicht Jonas, der sich da festhält, am äußeren Rand des Wales? Die sakrale Figur, nackt wie Adam, scheint darauf zu warten, auf festen Boden zurückgeworfen zu werden. Und was in aller Welt ist dieses rote Etwas, das da zwischen zwei Zähnen hervorquillt? Eine Zunge? Mitnichten! Wohl eher ein Kleidungsstück, wie in der 1621 von Pieter Lastman gemalten Szene. Noch ein Beweis, dass der Künstler unablässig malt und sich sein Werk in den unermesslich langen Lauf der Kunstgeschichte einfügt, von der Chauvet-Höhle bis zur Chaumont-Höhle.
BIOGRAPHISCHE ANGABEN
Miquel Barceló, der 1957 auf der Insel Mallorca geboren wurde, ist zunächst Maler, aber auch Zeichner, Graveur, Bildhauer und Keramiker. 1975 schreibt er sich an der Akademie der Schönen Künste in Barcelona ein, flieht jedoch bald vor deren Akademismus und schließt sich der Franco-feindlichen Gruppe für Konzeptkunst Taller Llunatic an. Bereits 1977 integriert er organisches Material in seine Gemälde, eine Technik, die sich durch sein gesamtes Werk ziehen wird.
Als Mitglied des wissenschaftlichen Komitees zur Nachbildung der Höhle Chauvet-Pont d’Arc, der Wiege der prähistorischen Kunst im Département Ardèche, ist er einer der wenigen Menschen, die die Felszeichnungen im Original aus der Nähe betrachten konnten. Fasziniert von diesen Werken an den Felswänden lässt er sich stark davon inspirieren, insbesondere bei seiner Ausstellung Miquel Barceló. Sol y sombra in der Französischen Nationalbibliothek im Jahr 2016, als er eine 200 m lange und 6 m hohe Glaswand mit flüssigem Ton überzieht. Auch im Rahmen der kollektiven Ausstellung Préhistoire, une énigme moderne im Centre Pompidou 2019, die eine Wandmalerei auf Glas des Künstlers zeigt, nimmt er darauf Bezug.
Im Jahr 2024 liefert Miquel Barceló der Domaine von Chaumont-sur-Loire eine außerordentliche Skulptur, die eigens von der Region Centre-Val de Loire in Auftrag gegeben worden war. Das Fabelwesen gehört nun zur Sammlung der dauerhaften Werke der Institution, die an 363 Tagen im Jahr zu sehen sind.