Künstlerischer Ansatz
Das Werk von Christian Lapie hinterfragt unser individuelles und kollektives Gedächtnis. Seine Installationen spektraler Figuren entstehen an ausgewählten, geschichtsträchtigen Orten. Sie nehmen den Raum ein und füllen ihn mit Kraft und Gelassenheit. Die schweigenden, kraftvollen Figuren ohne Arme und Gesichter stimmen nachdenklich und verunsichern. Weil er ein Baum ist, ist der Mensch von Christian Lapie oft riesig, doch trotz seiner Größe und Schwärze überragt er den Betrachter, ohne ihn zu beängstigen, und bezeugt das Gefühl der Ruhe und des Friedens, das die Gesellschaft von Bäumen auslöst. Die Skulpturengruppen wirken wie friedliche, unbewegliche Wächter. Sie wachen über eine verschüttete Vergangenheit und verkörpern die Präsenz einer Menschheit von gestern.
„Aus einer Familie eines kleinen Dorfes bei Reims in der Champagne stammend, wendet sich Christian Lapie zunächst der Malerei zu, wobei er sich von der Erinnerung einer Gegend mit leidvoller Geschichte inspirieren lässt. Mit der Zeit wechselt der Künstler von der Fläche zum Volumen und stellt große Figuren auf, deren symbolische Kraft es mit ihrem universalen Wert aufnehmen kann. Seine Arbeit breitet sich über den Mikrokosmos der Champagne hinaus weiter über Grenzen, Länder und Kulturen aus. Die mächtigen, stillen Figuren von Christian Lapie gehen aus großen Baumstämmen hervor, die er nach ihrem geraden Stamm auswählt, mit der Säge in eine menschliche Form bringt und schließlich mit einer dunklen Hülle versieht, die sie zeitlos macht. Abhängig von dem Ort, an dem der Künstler sein Werk realisieren soll, stellt er sie in Gruppen oder einzeln senkrecht auf, und plötzlich nimmt sie der Raum in Beschlag. Die Skulpturen von Christian Lapie, die gleichermaßen gemessen, spektral und denkwürdig sind, wirken wie Semaphore, die das Wesen des Ortes, an dem sie stehen, hervorheben“, schreibt der Kunstkritiker Philippe Piguet.
Die Skulpturen von Christian Lapie, gleichermaßen düstere und zeitlose, fremdartige und schützende Figuren, ziehen durch ihre starke, universale Präsenz unweigerlich den Blick auf sich. Der Künstler ist zunächst als Maler tätig und arbeitet mit Kreide, Oxiden und Asche auf groben, auf rudimentäre Rahmen gespannten Planen. Dann entwickelt er die Materialien weiter und verwendet Bleche, Zement und geschwärztes Holz. Seine elementaren, geradezu ursprünglichen Arbeitstechniken erzeugen ein einprägsames, gleichzeitig nahes und fernes Bild der Unüberwindbarkeit des „Auf-der-Welt-Seins“. Dass Künstler, die ihre Werke in die Landschaft einbetten, Nomaden sind, liegt in der Natur der Sache. Christian Lapie bildet hier keine Ausnahme. Seit etwa zehn Jahren wird er in die ganze Welt eingeladen: nach Japan, Frankreich, Kanada, Belgien, Indien...
„Meine Skulpturen sind keine Objektwerke. Jedes Werk ist eine Antwort auf eine Einladung. Ich arbeite immer in Verbindung mit den Menschen, die mich einladen. Wichtig ist, an einen Ort eingeladen zu werden, um die Figuren vor einem neuen Hintergrund zu konzipieren und zu gestalten. Die Auftraggeber kommen mit ihren Wünschen zu mir und beschreiben ihre Örtlichkeiten, ihre Geschichte, ihre Familie, ihren Wald… Und ich lasse mich da hineinziehen. Ich achte auf Elemente. Ich schlage eine räumliche Anordnung der Figuren vor, damit die Magie wirken kann. Menschliche Beziehungen sind für meine Arbeit absolut unverzichtbar. Ohne sie ist mein Schaffen nicht möglich. Ebenso wie ich keine Werke schaffen würde, wenn ich kein Projekt hätte. Meine Werke werden immer für Projekte gemacht. Eine menschliche Beziehung ist unverzichtbar“, erklärt der Künstler.
Als Christian Lapie 2015 erstmals zu einer Ausstellung in der Domaine de Chaumont-sur-Loire eingeladen wird, präsentiert er im historischen Park La Constellation du fleuve (Die Konstellation des Flusses). Diese Skulpturengruppe mit einem Dutzend rätselhafter Figuren verweist je nach Vorstellungswelt auf die Totempfähle alter Gesellschaften verschiedener Kulturkreise. Die stillen, wohlwollenden Wächter sind zu einem Wahrzeichen der Domaine geworden und werden diese nicht mehr verlassen. Die Schenkung des Künstlers wird in diesem Jahr mit der Aufstellung weiterer Werke gefeiert.
BIOGRAPHISCHE ANGABEN
Christian LAPIE
FRANKREICH
Christian Lapie wird 1955 in Reims geboren. Nach seinem Studium an der École des Beaux-Arts in Reims (1972-1977) und an der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts in Paris (1977-1979) richtet er sein Atelier in der Region Champagne ein, aus der seine Familie stammt.
Die Idee, die Narben des Ersten Weltkriegs sichtbar zu machen, lässt ihn seine künstlerische Praxis weiterentwickeln. Von einer subtilen, ausgefeilten Wachsmalerei wechselt er zu rohen Pigmenten, die er mit Sedimenten, die er auf den ehemaligen Schlachtfeldern sammelt, sowie mit Kreide, Oxiden und Asche verbindet und auf grobe Planen spritzt, die auf rudimentäre Rahmen gespannt werden. Christian Lapie, für den die Rückkehr der Kriege mit dem Balkankrieg und dem ersten Golfkrieg ein Trauma darstellt, führt durch die Kombination von Materialien eine Art von Brutalität in seinem Werk ein: Aus verkohltem Holz, zerbrochenem Glas, Zement und Inschriften auf Blechen schafft er Werke, die an Basreliefs erinnern, beispielsweise In Case of War (Im Kriegsfall, 1990) im Australian Center for Contemporary Art in Melbourne (Preisträger des Programms Villa Médicis Hors les Murs). Mehrere deutsche Museen und Galerien in Aachen, Essen, Frankfurt usw. wissen sein Engagement zu schätzen und laden ihn zu Ausstellungen ein.
1992 wird er vom Goethe-Institut in Brasilien eingeladen, an der Gruppenausstellung Arte Amazonas im Museum für Moderne Kunst in Rio de Janeiro teilzunehmen, die als Echo zur Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung gedacht ist. Das ihm zur Verfügung gestellte Atelier in Porto Velho befindet sich mitten im Regenwald des Amazonas. Die Begegnung mit den Caboclos, die am Rio Madeira leben, verunsichert ihn zutiefst. Diese Volksgruppe, deren Würde mit ihrem auf das Wesentliche reduzierten Leben in Kontrast steht, erschüttert seine Position als Künstler, seine Praxis und sein Engagement. 1995 wird er vom Ministère de la Culture und dem Musée des Beaux-Arts in Reims mit einer Installation für den Jahrestag der deutschen Kapitulation beauftragt, die in Reims unterzeichnet wurde. Das Werk War Game (Kriegsspiel) wird als zu subversiv eingestuft und nie ausgestellt.
Nach diesen beiden Ereignissen entwickelt Christian Lapie einen Stil, der sich ebenso an Caboclos, Vorstadtbewohner, japanische oder indische Bauern richtet wie an Kunstinteressierte, um sich von lokalen und nationalen Kulturen zu befreien und einen Dialog zwischen Orten und Kontinenten zu ermöglichen. Sein Medium der Wahl sind dabei Bäume, die die Erde mit dem Himmel verbinden. Seit fünfundzwanzig Jahren wählt der Künstler diese im Wald aus. Die Stämme kommen im Atelier an, wo er sie von Hand spaltet, wobei er den „Vorschlägen“ des Baumes folgt. Mit der Kettensäge arbeitet er rohe menschliche Gestalten heraus, die wie Schatten aufragen.
Christian Lapie, der seine ersten Werke für die vom Krieg erschütterte Region der Champagne geschaffen hatte, stellt seine schwarzen Figuren seit 1995 in der ganzen Welt auf: im Skulpturenpark Echigo-Tsumari in Japan ebenso wie in Frankreich, beispielsweise in der Fondation Salomon, im Musée des Beaux-Arts in Reims, im Historial Jeanne d'Arc, in Rouen, im Parc de Sceaux... sowie in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen in Europa, den Vereinigten Staaten und in Afrika. Überall halten sie uns einen Spiegel vor, in dem sich die Menschheit in Vergangenheit und Gegenwart widerspiegelt.
Christian Lapie wird von den Galerien RX (Paris-New York) und Alice Pauli (Lausanne) vertreten.